»Das Musizieren kann ein Vorbild für die Gesellschaft sein«

360° Mythos Orchester: So lautet der Titel des 360°-Wochenendes am 15. und 16. August 2026 in Ulrichshusen. 

Cornelius Meister und die NDR Radiophilharmonie geben einen umfassenden Einblick in die Orchesterwelt. Wir haben vorab mit dem Dirigenten Cornelius Meister über seine Arbeit, das Orchesterleben und über die Zukunft der Orchester gesprochen. 

 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern:  Ihre Arbeit als Dirigent beginnt lange vor dem Konzert. Nehmen Sie uns einmal mit in Ihren Arbeitsalltag. 

 

Cornelius Meister:  Häufig weiß ich bereits zwei oder drei Jahre im Voraus, an welchem Tag und um wieviel Uhr eine Probe für ein Konzert stattfindet. Daher besprechen wir weit im Vorhinein, welche Werke wir gemeinsam aufführen wollen, und fiebern jahrelang auf einen bestimmten Konzerttermin hin. Da jedes Werk lange in mir reifen soll, lese ich viele, viele Stunden lang immer wieder jede einzelne Note in der Partitur. Es ist wie mit einem Kunstwerk, das man in einem Museum betrachtet. Je öfter man es sich anschaut, desto mehr nimmt man davon wahr. 

Besonders spannend sind die Vorbereitungen für ein ganzes Konzertwochenende wie jetzt in Ulrichshusen. Wir spielen ja nicht nur drei Konzerte innerhalb von 24 Stunden, sondern kommen darüber hinaus in mehreren Zusatzveranstaltungen in den direkten Kontakt mit unserem Publikum. Dieses Gesamterlebnis zu planen, war besonders aufwändig — aber auch besonders schön.

 

Cornelius Meister

 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern:  Was ist für Sie das Herausfordernde am Orchesterleben?

 

Cornelius Meister:  Bei jeder Aufführung fangen wir sozusagen bei null an. Das ist einzigartig und gibt uns jedes Mal einen besonderen Ansporn, denn gemeinsam mit dem Publikum begeben wir uns auf eine Reise, bei der wir während jeder Aufführung Unerwartetes entdecken. Obwohl ja niemand auf dem Podium während eines Konzerts miteinander spricht, agieren dennoch alle unglaublich viel miteinander, und zwar nonverbal. Dieses ständige, in jeder Millisekunde stattfindende Sich-Austauschen ist faszinierend und die Basis dafür, dass aus Dutzenden von Individuen ein gemeinsames Ganzes entsteht. Jedes Orchestermitglied bringt sich ein, je nach Instrument auf unterschiedliche Weise, und alle anderen bekommen es idealerweise, da sie aufmerksam zuhören, mit. Das Musizieren kann ein Vorbild für die Gesellschaft sein und ein Beispiel dafür, was eine Gruppe hervorbringen kann, wenn die Menschen einander zuhören.

 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern:  Was ist Ihr Rezept, um die sehr individuellen Künstlerpersönlichkeiten Ihres Ensembles zusammenzuhalten? 

 

Cornelius Meister: Ich habe das Glück, dass ich nun — ich bin 46 Jahre alt — seit mehr als 40 Jahren musiziere. Nachdem ich ganz jung mit dem Klavier begonnen hatte, lernte ich mit vier Jahren schon das zweite Instrument, das Cello. Unterricht bekam ich vom damaligen Stellvertretenden Solocellisten der NDR Radiophilharmonie, Konrad Haesler. Daher weiß ich, wie wichtig es ist, dass jede Person im Orchester in die Lage versetzt wird, Bestleistungen zu erbringen, und damit die anderen beflügelt. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen. Wir möchten eine Energie kreieren und zusammen in einen Flow kommen. Dabei stellen wir uns jedes Mal auf unterschiedliche Säle ein. Ulrichshusen hat eine einzigartige Akustik und Atmosphäre. Sich jedes Mal auf Neues einzustellen, fasziniert mich.

 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern:  Müssen Sie als Dirigent selbst jedes Instrument aus dem Orchester einmal gespielt haben?

 

Cornelius Meister: Außer Klavier und Cello habe ich Orgel, Cembalo, Horn und Synthesizer, also elektronische Musik, gelernt. Als Pianist hatte ich außerdem das Glück, mit allen Orchesterinstrumenten einzeln und in Gruppen Kammermusik zu spielen. Besonders gern erinnere ich mich an meine Konzerte im Duo mit dem Klarinettisten Clemens Trautmann, übrigens auch hier bei den Festspielen. Er ist ein großartiger Musiker und heute Präsident der Deutschen Grammophon. Alle diese Erfahrungen helfen mir beim Dirigieren enorm.

 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern:  Wie blicken Sie auf die Zukunft des Orchesters?

 

Cornelius Meister: Ich blicke frohgemut in die Zukunft. Nichts kann die Emotionalität von Live-Aufführungen eines Sinfonieorchesters ersetzen. Tatsächlich strömen vielerorts so viele Menschen in Konzerte klassischer Musik wie selten zuvor. Im Juni konnten wir beim Staatsorchester Stuttgart, das ich die letzten acht Jahre geleitet habe, einen Besucheranstieg um rund 30 Prozent gegenüber 2018 melden. Aber auch über die Konzerte hinaus sind Orchestermitglieder unglaublich wichtig für das Musikleben einer Stadt und Region. Sie geben Instrumentalunterricht für Kinder und Erwachsene, engagieren sich für die musische Bildung in Kindergärten und Schulen, und sie tragen dazu bei, dass eine Region attraktiv und lebenswert ist.

 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern:  Worauf freuen Sie sich beim 360°-Wochenende in Ulrichshusen am meisten?

 

Cornelius Meister: Vor allem freue ich mich darauf, wieder zu den Festspielen zurückzukehren, denen ich nun rund dreißig Jahre, zunächst als Pianist, später als Dirigent, verbunden bin. 2011 durfte ich den Dirigentenpreis der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern entgegennehmen.

360 Grad bezeichnet ja einen Rundblick. So bemühen wir uns, an einem einzigen Wochenende einen Überblick zu geben über mehr als 400 Jahre Musikgeschichte und zusätzlich einen unmittelbaren Einblick zu gewähren in das, was uns als Musizierende bewegt. Ein besonderes Plus wird die Möglichkeit sein, uns bei einer Probe über die Schulter zu schauen. Was das Publikum da erwarten wird, kann ich heute noch nicht sagen, denn genau darum geht es ja bei einer Probe: daran zu arbeiten, was im jeweiligen Moment notwendig sein wird. Auf jeden Fall bin ich voller Vorfreude.

 

Gut Ulrichshusen

 

Zur Person:

Cornelius Meister studierte Klavier, Cello, Horn, Dirigieren und Philosophie in Hannover sowie am Mozarteum Salzburg. Er war Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien und gewann mit seinen Aufnahmen zahlreiche Preise, wie den OPUS Klassik als Dirigent des Jahres. Darüber hinaus war er von 2005 bis 2012 Generalmusikdirektor des Theater und Philharmonischen Orchesters Heidelberg sowie Principal Guest Conductor des Yomiuri Nippon Symphony Orchestras Tokyo von 2017 bis 2020. Seit 2018 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart. 

 

 

 

To top