»Fast ein sportlicher Anreiz«

Der Komponist und Schlagzeuger Johannes Fischer hat für das Eröffnungskonzert am 13. Juni 2026 die Festspiel-Ouvertüre komponiert. In diesem dem Armida Quartett gewidmeten Stück für Streichquartett und Audiotrack »Buzzer Beater« verarbeitet er Bruchstücke aus zwanzig verschiedenen Ouvertüren. Das Ensemble ist in diesem Jahr Preisträger in Residence der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und feiert sein zwanzigjähriges Bestehen. 
Wer die Ouvertüre jetzt verpasst, hat am 27. August die Chance, das Stück doch noch zu erleben. Dann erklingt die Festspiel-Ouvertüre noch einmal beim Gesprächskonzert »Universum Armida Quartett« in Vietgest. 
 

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV): Herr Fischer, in Ihrer Festspiel-Ouvertüre verarbeiten Sie 20 verschiedene Musikstücke, allesamt Ouvertüren. Kann man diese beim Hören erkennen? Und warum haben Sie diese Technik gewählt?

Johannes Fischer: Es war für mich fast ein sportlicher Anreiz, in sieben Minuten zwanzig Ouvertüren unterzubringen. Manche Schnipsel sind nur eine Sekunde lang, manche länger. Das spielt natürlich auch mit der Situation in unserem Zeitalter, des permanenten Aufmerksamkeitsdefizits. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne für Online-Inhalte liegt derzeit unter 20 Sekunden. Das ist erschreckend niedrig, besonders für jemanden wie mich, der in einem Bereich arbeitet, der mit Kunst und Zeit zu tun hat. Und so dachte ich, ich müsste das einmal auf die Spitze treiben. Der Titel »Buzzer Beater« kommt aus dem Basketballsport, wo die letzten Sekunden scheinbar ewig dauern, bis das Spiel entschieden wird. Die letzten anderthalb Minuten sind spielentscheidend und dehnen sich — das ist der humoristische Hintergedanke.

Ich habe genutzt, was so auf der Festplatte in meinem Kopf war. Das waren nicht nur Opern, sondern auch Konzertouvertüren, von Monteverdi bis Parzival und Carmen. Ich habe an den zwanzig Schnipseln zugleich gearbeitet, fand es total super, »La Traviata« in Zeitlupe kommen zu lassen. Ich habe Sachen verschachtelt; in der einen Schicht kommen »Figaros Hochzeit« und »Die verkaufte Braut« oder »Ein Sommernachtstraum« vor und gleichzeitig Tschaikowskis »Romeo und Julia«. Ich benutze das Material wie bei einer Collage oder einer Plastik, die man aus Gegenständen baut, die eigentlich einen anderen Zweck haben. Und so entsteht eine Art akustisches Suchbild mit humorvoll-spielerischem Charakter. Das war das Prinzip, nach dem ich gearbeitet habe: Klangausschnitte gesampelt und improvisiert, rückwärts, vorwärts. Der Audiotrack und das Streichquartett sind übrigens nicht immer auseinanderzuhalten, der Lautsprecher steht im Ensemble und es entsteht ein gemeinsamer Klang. Ich wollte dem Quartett etwas in die Instrumente schreiben, woran die Vier richtig Spaß haben. Das Festival soll ja mit guter Laune beginnen.

 

FMV: Es ist nicht die erste Arbeit mit dem Armida Quartett, richtig?

Johannes Fischer: Das Armida Quartett und ich haben uns 2015 beim Heidelberger Frühling kennengelernt. Auf Initiative des Quartetts haben wir ein Stück von Steve Martland gemeinsam gespielt; »Starry Night« für Streichquartett und Schlagzeug. Bei der BBC Young Artists-Reihe haben sie dann ein Stück von mir gespielt, das auch während ihrer Künstlerischen Leitung beim Festspielfrühling Rügen erklang und für viel Lust und Laune auf der Insel gesorgt hat. Es ist ein humorvolles Stück. Guter Humor ist harte Arbeit, aber mir sehr wichtig.

 

FMV: Was hilft Ihnen beim Komponieren? Woher holen Sie Ihre Inspiration?

Johannes Fischer: Wenn ich auf Inspiration warte, kommt sie nicht. Sie kommt in bestimmten Momenten beim Reisen, wenn sich der Geist im Auto oder in der Bahn in so einen Trancezustand begibt. Neulich war ich im Kunstmuseum Basel und hab mir Dinge von Beuys angesehen, da ist sofort eine Stückidee entstanden anhand eines Begriffs, der da eine Rolle spielte. Aber man hat meist mehr Ideen, als man umsetzen kann. Die Idee zur Ouvertüre kam mir superschnell nach dem Anruf. Ich kenne das Armida Quartett gut und improvisiere im Geiste mit ihm.

 

FMV: Es gibt auch den Begriff Tondichter für Komponisten. Inwieweit passt diese Bezeichnung zu Ihnen?

Johannes Fischer: Ich selbst würde mich nie als Tondichter bezeichnen, sondern immer als Musiker. Aber ich finde den Begriff Tondichter sehr schön, weil er so vieles einschließt, was nichts mit Komposition zu tun hat. In manchen Teilen Asiens hat der Beruf des Geschichtenerzählers fast Priesterstatus, das gesamte Wissen wird in seinen Geschichten weitergegeben, in immer neuen Variationen, wie Musik und mit Musik. Und ich habe mich als Trommler immer als jemanden verstanden, der die Leute zusammenruft, um ihnen etwas zu erzählen.

 

FMV: Muss man Ihrer Meinung nach sehr viele verschiedene Musikinstrumente einmal gespielt haben, um ein musikalisches Werk zu komponieren?

Johannes Fischer: Es wird tatsächlich seltener, dass Komponist:innen ein gutes Verhältnis zur instrumentalen Praxis haben. Ich glaube aber, dass die Arbeit mit einem akustischen Instrument etwas mit einem macht. Es wird Teil des Körpers, es verändert sich durch den Körper. Beim Schlagzeug finde ich das Gefühl, dass ich nicht auf etwas spiele, sondern dass man etwas gemeinsam macht. Es entsteht Emotionalität in der Verbindung zum Instrument. Das sind Sachen, die kann man rational gar nicht erklären und deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass KI den Beruf Musiker:in nicht abschaffen wird. Man spürt, dass da eine Kraft ist, die es immer wieder zu suchen gilt und die sich je nach Publikum verändert.

 

Info-Kasten: 
Bereits im Jahr 1999 hatte Johannes Fischer seinen ersten Auftritt bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Als Schlagzeuger war er damals Teil der Reihe »Junge Elite«. 2021 hat ihn dann das Armida Quartett, das in jenem Jahr die Künstlerischen Leitung des Festspielfrühlings Rügen innehatte, eingeladen und spielte mit ihm gemeinsam in Binz. Der Schlagzeuger und Komponist ist Professor für Schlagzeug in Lübeck und lebt auf einem Bauernhof in der Ostholsteinischen Provinz. 

 

Johannes Fischer mir dem Armida Quartett in Binz im Jahr 2021

 

To top