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Konzertkirche Neubrandenburg
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360° Orchester — Wir alle brauchen einander

Ein Gespräch mit Andrew Manze und Erik Franz über Teamarbeit und die Begeisterung für eine gemeinsame Sache

Eher Trainer oder Schiedsrichter? Andrew Manze zögert. Nein, so richtig kann sich der Dirigent mit keinem dieser Vergleiche zum Sport anfreunden. Der Brite leitet seit 2014 die Geschicke der NDR Radiophilharmonie als Chefdirigent und liebt seinen Job spürbar, sichtbar, hörbar. »Am Konzerttag selbst denke ich ab dem Moment, in dem ich aufwache, nur noch an eines: die Aufführung«, gibt Manze zu Protokoll. »Und die ist dann wie eine Erlösung. Endlich können wir die Musik mit dem Publikum teilen.« Eine solche Hingabe ist nötig, schließlich lenkt Manze dutzende Musizierende durch die komplexen Werke der berühmtesten Komponisten.

Hingabe hat auch Erik Franz für seinen Beruf als Orchesterwart des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Das Musikgenre Klassik war ihm am Anfang seiner beruflichen Karriere allerdings erst einmal fremd. »Ich hörte selbst keine Klassik«, gibt der 32-Jährige offen zu. Als Orchesterwart ist Franz neben den Instrumenten auch zuständig für sämtliche Materialien, die beim Erklingen der Musik auf der Bühne später praktisch unsichtbar sein sollen: Stühle, Notenpulte, Garderobe. Kein Orchester kann ohne Orchesterwarte oder -wartinnen existieren. Das Team aus mehreren festangestellten Technikern und freien Teammitgliedern kümmert sich um den Auf- und Abbau sowie den reibungslosen Ablauf eines Konzertes — und will am liebsten gar nicht bemerkt werden. »Wenn das Publikum die Umbauten bzw. die Technikerinnen oder Techniker nicht wahrnimmt, machen wir unseren Job gut. Stress und Hektik, die natürlich beide aufkommen, dürfen die Besucher und Besucherinnen nicht sehen«, resümiert Erik Franz die oberste Regel seines Berufsstandes.

Die Musikerinnen und Musiker bemerken das Team hinter der Bühne dafür umso mehr. »Die Orchesterwarte und -wartinnen sind wichtiger als sie wahrscheinlich selbst wissen!«, betont Dirigent Manze. »Die Inspizientin oder der Inspizient ist die letzte Person, mit der ich Kontakt habe, bevor ich auf die Bühne gehe, und die erste, wenn ich wieder herunterkomme. Das Publikum sieht sie nicht, aber diese Kollegen und Kolleginnen sind für eine Aufführung ebenso wichtig wie wir auf der Bühne.«

»Ich merke sofort, wenn das Orchester einen guten oder auch mal einen schlechten Tag hat«, beschreibt Franz das enge kollegiale Verhältnis. Technik ist dabei nur die Aufgabe, die im Arbeitsvertrag steht.

Wir kümmern uns um alles — von der Kleidung über eine Kopfschmerztablette bis zur Büroklammer für die Noten.

Erik Franz

Franz betont, dass es dabei niemals um Allüren oder Extravaganz geht, sondern versteht das Erfüllen dieser Wünsche vielmehr als Ausdruck des Zusammenhalts: »Die Musizierenden sollen sich völlig auf das Konzert fokussieren können. Das ist unser Ziel.«

Beide Seiten verdanken einander viel — bis hin zum eigenen Leben. Die überwiegend männlichen Orchesterwarte bewegen auf Tour schon einmal vier Tonnen Ausrüstung, jeden Tag und mitunter einmal rund um den Globus. Manchmal fordert dieser Job seinen Tribut: Als Franz bei einem Konzert dehydriert zusammenbricht, ist ein Musiker der Erste, der hilft. »Er ist ausgebildeter Arzt und als solcher zögert er natürlich keine Sekunde.« Der Kollege versorgt Franz bis der Notarzt eintrifft; die Musik kann warten.

Auch Andrew Manze betont die herausragende Bedeutung des zwischenmenschlichen Zusammenhalts auf und abseits der Bühne. Für ihn ist das Orchester ein Team, in dem jeder bzw. jede nach seinen bzw. ihren Fähigkeiten eine bestimmte Rolle einnimmt, die individuell, einzigartig und als solche unersetzbar ist.

Ich sehe ein Orchester wie eine Metapher auf unsere Gesellschaft: Wir alle brauchen einander.

Andrew Manze

Für den Mann mit dem Taktstock zählen zu dieser Gemeinschaft explizit die Teammitglieder hinter der Bühne. Das gilt umso mehr, wenn ein Orchester auf Tournee ist. »Ich mag die Herausforderung, auf Tour zu sein. Der besondere Aspekt an einer Tournee ist gerade, dass wir ein Stück viele Male spielen. Daher können wir umso intensiver an diesem Werk arbeiten. Alle Mitglieder verbringen zudem viel Zeit miteinander, was uns näher zusammenbringt.«

»Ein Orchesterwart ist der Erste in der Halle und der Letzte, der das Licht ausmacht«, fasst Erik Franz seine Jobbeschreibung knapp zusammen — nicht ohne im nächsten Atemzug die Vorteile herauszuheben. »Reisen ist das Beste an dem Beruf. Ich habe so viele tolle Konzerthäuser in Städten auf der ganzen Welt gesehen. In Paris haben uns die Haustechniker mit aufs Dach des Theaters genommen. Dort konnten wir über die Dächer von Paris auf den nahen Eiffelturm gucken. Solche Momente schenkt dir dieser Job!«

Auf solche Momente ist sogar der Stardirigent neidisch. »Von vielen Städten kenne ich leider nur den Flughafen und die Konzerthäuser — Rom zum Beispiel«, seufzt Manze. »Ich hoffe, dass ich die Stadt eines Tages mal als Tourist kennenlernen darf.« Ein Wunsch, der gerade in Zeiten von Corona in weiter Ferne zu liegen scheint. Für Franz aber auch für Dirigent Manze ist das weniger Anlass zur Trübsal, sondern eher zur Vorfreude. »Wenn wir Anfang September in Ulrichshusen spielen können, dann wird das ein unglaublicher Moment«, freut sich Manze. »Überlegen Sie nur: Jedes Mitglied unseres Klangkörpers hat diesen Beruf aus einer großen Leidenschaft heraus angetreten. Diese Leidenschaft jedes Mal aufs Neue zu wecken, ist meine eigentliche Aufgabe. Nach einer so langen Zeit ohne Konzerte werden die Musizierenden kaum zu bremsen sein, denn: Dafür leben wir alle! Das könnte der perfekte Moment werden.«

Viele Regeln oder ungeschriebene Gesetze in der klassischen Musik, die bei Laien schnell Berührungsängste mit dem Besuch eines klassischen Konzertes erzeugen können, sind Manze dabei regelrecht zuwider. »Ich mag die Idee nicht, dass es Regeln gibt. Das ist doch das Tolle an Musik: Jeder kann sie genießen, wie er möchte.« Selbst das oft verpönte Klatschen zwischen einzelnen Sätzen stört den Mann am Pult wenig. »In China klatscht das Publikum manchmal zwischen den Sätzen, wenn es besonders berührt ist. Das ist für uns auf der Bühne aber wunderbar, weil wir merken, dass die Menschen im Saal eine dramatische Stelle genauso spüren wie wir.« Die Reaktionen hinter sich fühlt der Dirigent trotz seiner Perspektive.

Obwohl ich ihnen den Rücken zuwende, bemerke ich sofort, wenn eine Stelle die Menschen erreicht. Dann wird es noch einmal ruhiger hinter mir.

Andrew Manze

So viel Begeisterung auf der Bühne steckt bisweilen nicht nur das Publikum an: Orchesterwart Franz ist durch seinen Beruf zu einem Klassikfreund geworden. »Ich spiele selbst Gitarre und singe im Chor, aber inzwischen höre ich auch privat gerne Klassik«, gibt der in Hamburg lebende Franz zu. Wenn sein Orchester bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern auftritt, holt der gebürtige Pasewalker gerne seine Familie zum Konzert.

Dank zahlreicher Gastspiele findet auch Andrew Manze immer wieder den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. Im Festspielsommer 2021 wird der Dirigent am 4. und 5. September erstmals aber nicht nur den Taktstock schwingen. Vielmehr wird er bei »360° Orchester« den faszinierenden Kosmos Orchester in Ulrichshusen von allen Seiten unter die Lupe nehmen. »Ich möchte dem Publikum gerne zeigen, wie eng und gut ein Orchester als Team harmoniert. Die Menschen werden eine Gemeinschaft erleben, die zusammen fantastische Sachen macht. Ein Konzert ist ein Echtzeitmix aus Drama und Theater — und manchmal sogar Zirkus.« Und dann hat er ihn doch: den Vergleich, wenngleich nicht zum Sport. »Macht mich das vielleicht zum Zirkusdirektor?!«, überlegt Manze schmunzelnd. Spätestens bei »360° Orchester« darf sich das Publikum also auf magische Momente und ihre Geschichten auf und hinter der Bühne freuen.

Text von Christian Kahlstorff

»360° Orchester« wird ermöglicht die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

  • ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius