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Eröffnungskonzert 2021: Nils Mönkemeyer und Andrew Manze
Eröffnungskonzert 2021: Nils Mönkemeyer und Andrew Manze

Auf der Suche nach einem neuen Bratschenklang

Nils Mönkemeyer über William Waltons Violakonzert

Zum Eröffnungskonzert des Festspielsommers 2021 hat unser diesjähriger Preisträger in Residence Nils Mönkemeyer über William Waltons Bratschenkonzert gesprochen, das er gemeinsam mit der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Andrew Manze zum Besten gab.

Ist das Bratschenkonzert von William Walton »britisch« für dich?

Nils Mönkemeyer: »Ja, das ist eine gute Frage: ›Was ist eigentlich britische Musik?‹ Und was uns natürlich immer allen sofort einfällt, ist Elgar. Es gibt da etwas, eine bestimmte Form des Schwelgens im Klang, das die Briten sehr gut beherrschen — obwohl sie eigentlich gerne auf Understatement setzen. Aber gleichzeitig ist die Musik hoch emotional und hat eine bestimmte Form — so ein Baden im Klang. Das hat Walton bei aller Modernität und bei allem Aufbruch in das neue Jahrhundert irgendwie beibehalten. Somit passt es besonders schön zur Bratsche. Das Spielen macht wahnsinnig Spaß, weil man sich so in den Klang reinlegen kann.«

Man ist als Bratsche immer eingebettet in diesem wohligen, samtigen Orchesterklang.

Nils Mönkemeyer

Wie agieren Solist und Orchester in diesem Stück miteinander?

NM: »Walton hat dieses Konzert mehrfach selbst mit sehr namhaften Solisten aufgeführt. Bei der Uraufführung konnte Englands berühmtester Bratscher Lionel Tertis das Werk nicht spielen. Dafür ist Paul Hindemith kurzfristig eingesprungen und später hat es [William] Primrose gespielt, einer der berühmtesten amerikanischen Bratscher, und am Ende nochmal ein englischer Bratscher, Frederick Riddle. Für all diese Leute hat Walton das Konzert immer wieder ein bisschen angepasst. Die letzte Fassung ist die, die fast alle Bratscher gerne spielen, weil Walton sie etwas durchsichtiger geschrieben. Dadurch ist es für den Bratscher leichter, den Klang über das Orchester zu transportieren, und gleichzeitig gibt es diese ganzen feinen Strukturen in den Bläsern — die kommen ganz toll raus.«

In dem Stück kommen auch Jazz-Elemente vor — wie drücken sich diese aus?

NM: »1930 war Jazz ein bisschen anrüchig, aber natürlich auch wahnsinnig cool. Der Jazz war ein großer Einfluss für alle Komponisten, da er eine völlig neue Klangsprache und auch eine völlig neue Art von Rhythmik, die man in der Romantik nicht kannte, mitbrachte. [...] In der Romantik waren das immer regelmäßige Takte, weil wir Menschen schon immer gerne eine Symmetrie haben. Plötzlich wurde das aufgebrochen und diese Asymmetrie gab einen ganz bestimmten Reiz. Das hat wahrscheinlich auch Walton sehr fasziniert. Für mich ist das Konzert ganz toll, da ich diese weiten, wehmütigen Melodien spiele, und dann aber auch große Stellen habe, in denen ich zwei Stimmen gleichzeitig spiele. Das ist sehr anspruchsvoll, da ich meine Finger etwas hin und her schieben muss. Und dann gibt es den zweiten Satz, in dem ich gar nicht wie eine Bratsche spiele, sondern wirklich versuche, einen Bigband-Sound zu imitieren. [...] Das ist ein ganz starker Kontrast zu den elegischen Stellen der anderen Sätze.«

Was reizt dich besonders an diesem Werk?

NM: »Einer der Reize dieses Werkes ist für mich die Kombination von Instrumenten, und dass ich eigentlich Kammermusik mit den einzelnen Solobläsern mache. Das geht von der Klarinette über das Fagott im dritten Satz, bis hin zur Oboe, mit der ich mir die Melodie zuspiele, und die Flöte.

Ich habe eigentlich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich von den Bläsern Inspiration erhalte und gar nicht alleine über dem Orchester schwebe, sondern immer mit dem Orchester in Unterhaltung bin.

Nils Mönkemeyer

Das macht dieses Werk sehr lebendig. Für mich ist dadurch jedes Konzert irgendwie anders, weil eben jeder Einzelne im Orchester ganz wichtig ist und sich einbringt. Besonders beim Eröffnungskonzert fand ich das sehr schön. Als Streicher muss ich mich plötzlich sehr viel mit den Bläsern mischen, und dadurch denke und artikuliere ich ganz anders, als ich das tun würde, wenn ich nur als Streichinstrument denke. Das ist sehr einzigartig und sehr reizvoll, auch als Spieler für mich.«

Was ist deine Lieblingsstelle in dem Stück?

NM: »Einer meiner Lieblingsmomente des Konzertes ist eigentlich das Ende. Da gibt es ein riesiges Orchestertutti, das wirklich in höchste Emotionen ausartet und dann in sich zusammensackt; übrig bleibt eine Bassklarinette, die in Tupfern nochmal Fragmente des Themas vom dritten Satz spielt. Dann stimme ich als Bratscher wieder das Thema des ersten Satzes an und daraus entsteht einer der schönsten Abgesänge, die wir Bratscher haben. Da hat man wirklich das Gefühl, dass Walton dem Zeitalter der Romantik auf Wiedersehen sagt. [...] In einer Zeit, in der die gesamte Gesellschaft im Umbruch war, wo Maschinen Einzug erhielten, wo gerade ein Weltkrieg vorbei war und auch das Denken von ›Oben‹ und ›Unten‹ in der Gesellschaft aufhörte. Die Frauen haben angefangen sich zu wehren und zu sagen, wir wollen mehr Rechte. Die gesamten, bekannten Strukturen, waren plötzlich aufgelöst. Für mich spürt man das alles in dieser Spannung, in diesem Vibrieren, das bis zum Schlussakkord durchgehalten wird. Wenn ich also mit Dur aufhöre, tupft das Orchester noch dreimal Moll rein. Diese Spannung löst sich quasi nie auf und das ist für mich eigentlich die Quintessenz dieses Werkes — also ein Abschied und Neubeginn. [...]«

Würdest du Walton gerne etwas zum Bratschenkonzert fragen?

NM: »Ich habe das Gefühl, dass Walton sehr genau notiert hat, was ich wie ausführen soll. Und trotzdem habe ich sehr viel Freiheit. Es gibt mehrere Aufnahmen, in denen er selber mit Musikern gearbeitet und das Werk gespielt hat. Und eigentlich ist es jedes Mal komplett anders. Auch, weil er die Bratschenstimme jedes Mal für die entsprechenden Solisten neu eingerichtet hat. [...] Dadurch habe ich irgendwie keine Sorge, dass ich etwas falsch mache und fühle mich ganz frei, dem Werk so ein bisschen meinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Das ist natürlich anders, wenn ich Bach spiele. Da würde ich gerne mal sagen: ›Sag mal, wie hast du das gemeint?‹ Bei Walton habe ich das Gefühl, wenn ich überzeugend musiziere, dann hätte ihm das bestimmt gefallen.«

Das Gespräch führte Isabel Schubert.