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Isabel Mundry
Isabel Mundry

Die Unendlichkeit der Klänge

Isabel Mundry über zeitgenössisches Komponieren — ein Essay

Die zeitgenössische Musik ist in ihren Mitteln in den vergangenen Jahren ebenso vielfältig geworden, wie es die Bildende Kunst schon seit Jahrzehnten ist. Beide spiegeln die Heterogenität gesellschaftlicher Formen und Ausdrucksweisen unserer Gegenwart wider. Findet sich auf einer zeitgenössischen Kunstmesse ein breites Spektrum zwischen dem Gemälde, einer Installation oder Live-Performance, so eröffnet sich eine vergleichbare Vielfalt zwischen einer tonalen Kammermusik, multimedialen Videokomposition oder Musiktheater-Installation auf einem Uraufführungsfestival. Jedoch: Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen den Bildenden Künsten und der Musik. Er liegt darin, dass sich ein Großteil der Kompositionen auch heute noch in der klassischen Notation verortet und für Instrumente geschrieben ist, die vor Jahrhunderten entwickelt worden sind, während das zeitgenössische Kunstwerk in seinen Techniken, Materialien und Mitteln prinzipiell offen ist.

Die Musik unserer Zeit verbindet sich also — soweit sie für Instrumente und auf Notenpapier geschrieben ist — unwillkürlich mit der Geschichte. Seit der Renaissance war sie in den Künsten wie in der Musik eine Geschichte des Fortschritts. Technische Errungenschaften wurden gelehrt, aufgenommen und weiterentwickelt. Die Tonalität erwuchs aus den harmonischen Erweiterungen der kirchentonalen Musik, die Zwölftontechnik aus den chromatischen Öffnungen der Spätromantik.

Eine neue musikalische Sprache zu entwickeln, bedeutete für Komponistinnen und Komponisten in der Vergangenheit deshalb die Herausforderung, die Musikgeschichte als Ganzes voranzutreiben, ausgehend von den Techniken und ästhetischen Konzepten der Zeit.

Isabel Mundry

Diese Idee setzt jedoch voraus, dass es ein kollektives Verständnis von Musikgeschichte und Gegenwart gibt. In Mitteleuropa ist dies über Jahrhunderte der Fall gewesen, doch dieses Paradigma löst sich zunehmend auf. Wir leben in einer Gegenwart der Vielfalt von Musikgeschichten.

Für den einen setzt sie sich aus verästelten historischen Wegen der Improvisation zusammen, für die andere aus differenzierten Verschmelzungen von Musikstilen aufgrund vergangener oder gegenwärtiger Migrationen, für eine dritte Person aus Bach, Beethoven und Schönberg. Solche Traditionen würden mehr oder weniger unberührt voneinander koexistieren, hätten sie nicht längst vielfältige Übergänge, Mischformen und Verschmelzungen hervorgerufen. Die zeitgenössische Musik lebt von dieser Vielfalt an Zugängen zu Geschichten und Gegenwart. Jedoch binden die Notation und die Instrumente sie zugleich wieder ein. Mögen sie einerseits Errungenschaften gewesen sein, so bedeuten sie andererseits auch Vorgaben.

Die Notation skaliert die potenzielle Unendlichkeit der Klänge, teilt sie ein in Halb- und Ganztonschritte, ist differenzierend, setzt aber auch Grenzen.

Isabel Mundry

Die Instrumente bilden wiederum die Skalierung in ihrer Bauart ab und repräsentieren klassische Klangideale. Und die Interpreten und Interpretinnen lernen schließlich, sie wach zu halten sowie den intonatorischen Gesetzen der Skalierung gerecht zu werden.

Entscheiden wir Komponistinnen und Komponisten heute, uns weiterhin im traditionellen Notationssystem zu bewegen und für Instrumente zu schreiben, die wir nicht selbst erfunden haben, dann entscheiden wir uns auch, einen bestimmten Faden von einer bestimmten Geschichte aufzugreifen, selbst, wenn wir ihn nach eigenem Belieben drehen und wenden können sowie mit anderen Geschichten verknüpfen. Er lädt uns ein, anhand von einer spezifischen Rückbindung künstlerisch offen über die Gegenwart nachzudenken und anhand von dieser wiederum über die Potenziale von Geschichten der Musik.

Beim Interpretationscampus »Vom Notenblatt zum Konzert« am 29. Juli auf Schloss Schwiessel erarbeiten Isabel Mundry und Nils Mönkemeyer gemeinsam mit ihren Studierenden die Uraufführung neu komponierter Werke.

»Vom Notenblatt zum Konzert« wird ermöglicht durch die Aventis Foundation.

  • Aventis Foundation