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Nils Mönkemeyer, Preisträger in Residence 2021
Nils Mönkemeyer, Preisträger in Residence 2021

Über das Gefühl, nach Hause zu kommen

Der Bratscher Nils Mönkemeyer ist Preisträger in Residence 2021

Sie kämen eigentlich immer zu spät, könnten nur einen einzigen Ton spielen und übten dann noch nicht einmal. Klischees um Bratscherinnen und Bratscher geben immer wieder Anlass zu Hohn und Spott. Wie kommt jemand in Anbetracht dieses schlechten Rufes überhaupt auf die Idee, ausgerechnet dieses Instrument zu erlernen? »Ich glaube, dass etwas im Bratschenklang mit meinem Körperklang, meiner inneren Stimme korrespondiert«, sagt Nils Mönkemeyer, einer der heute wohl bekanntesten Vertreter der Bratscher-Zunft. Aber wie viele seiner Kollegen und Kolleginnen kam auch er erst über einen kleinen Umweg zu seinem Instrument: Seine ersten Bogenstriche machte Mönkemeyer im Alter von sieben Jahren auf einer Geige. »Damals wusste ich noch gar nichts über die Bratsche«, erinnert sich der in Norddeutschland geborene Musiker zurück. »Wir hatten Nikolaus Harnoncourts legendäre, auf alten Instrumenten gespielte Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte mit Concentus Musicus Wien zu Hause. Ich habe immer die Stellen am meisten geliebt, in denen die Sologeige zum Zug kam, und deshalb wollte ich unbedingt dieses Instrument spielen.«

Seine ersten Versuche auf vier Saiten machte Mönkemeyer während der Sommerferien im Alleingang und verblüffte seine Geigenlehrerin in der ersten Unterrichtsstunde gleich mit einem ganzen Musikstück, das er bereits beherrschte. Bis er zu seinem eigentlichen Instrument kam, sollte hingegen noch einige Zeit vergehen. Erst als Jugendlicher und Geiger im Bundesjugendorchester nahm er zum ersten Mal eine Bratsche in die Hand — und verliebte sich auf den ersten Blick:

Mit der Bratsche hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Nils Mönkemeyer

Beinahe 30 Jahre später ist es Nils Mönkemeyer gelungen, der Bratsche einen neuen Ruf zu verleihen. Musikalisch hat er alles erreicht, spielt in den bekanntesten Konzerthäusern auf der ganzen Welt — vom Wiener Musikverein über das Concertgebouw Amsterdam bis zur Toppan Hall in Tokyo — und gibt sein Wissen mittlerweile als Professor an der Hochschule für Musik und Theater München an die nächste Musikergeneration weiter. Seine ganz besondere Verbundenheit gilt dabei aber einem Festival in Norddeutschland: Seit er 2013 in die Preisträgerfamilie der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern aufgenommen wurde, ist der heute in München lebende Musiker dem Klassikfestival eng verbunden und hat hier als Kurator des Festspielfrühlings Rügen 2017 bereits programmplanerische Luft schnuppern können. Inzwischen habe er das Gefühl, er könne die große Sommerresidenz auch wirklich ausfüllen, so der Musiker. Zudem fühlt sich Mönkemeyer den Festspielen sehr nah: »Es gibt dort einen unglaublich tollen Teamspirit, den ich wahnsinnig motivierend und inspirierend finde.«

Ob Kammermusik oder großes Orchester, ob Klassiker des Bratschenrepertoires oder ohrenöffnende Neukomposition — in seinen Konzerten schöpft Nils Mönkemeyer merklich aus dem Vollen. Kein Wunder, fällt es ihm doch schwer, sich auf nur eine Gattung festzulegen: »Die Kammermusik ist ein Miniaturbild voller wunderschöner, feinst gemalter Details; die Orchesterkonzerte sind eher wie große Gemälde, bei denen ich den einzelnen Pinselstrich allerdings nicht auf die gleiche Art und Weise platzieren kann, weil er nicht so wirkt. An der Kammermusik schätze ich den direkten Austausch, die direkte Kommunikation und den Fokus auf die Details; mit Orchester zu spielen, kann mich hingegen sehr frei und offen machen, weil man in größeren Zusammenhängen denkt.« Dass ausgerechnet William Waltons berühmtes Violakonzert den Festspielsommer einläuten wird, kommt dabei nicht von ungefähr: Der spätromantische britische Komponist habe den Solopart so rhythmisch und virtuos gesetzt wie vor ihm kein anderer Kollege und gerade deshalb liebe er dieses Werk so, verrät Mönkemeyer. (Unser Eröffnungskonzert können Sie hier nachschauen. Und eine gute Besprechung seiner CD-Einspielung gibt es bei BR-Klassik.)

Doch es geht nicht immer nur um den Musiker, sondern regelmäßig auch um den Menschen Nils Mönkemeyer: Mit Konzerten in sozialen Einrichtungen will er ein Publikum erreichen, das sonst keinen Zugang zur Musik hat. Es sei eine seiner großen Herzensangelegenheiten, sagt Mönkemeyer, offenbare sich ihm doch gerade hier immer wieder die eigentliche Hauptmotivation für sein Musikerdasein:

Uns ohne Grenzen von Herkunft, Worten, Religionen und all diesen Fragen einen Moment von Gemeinsamkeit zu geben — das ist der Grundgedanke, aus dem heraus ich alles mache.

Nils Mönkemeyer

Er hoffe, dass sich nach dem Krisenjahr 2020 in 2021 wieder deutlich mehr Gelegenheit für Momente von Gemeinsamkeit bieten werden, sagte Nils Mönkemeyer. Es sei ein Geschenk, dass diese gerade in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden werden. Für seine Vorfreude benötigt der Bratscher nur wenige Worte: »Glück, Freiheit, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.« Ein ausführliches Interview mit Nils Mönkemeyer finden Sie bei NDR Kultur.

Einen weiteren Aspekt seiner Persönlichkeit, von dem nicht viele wissen dürften, wird Nils Mönkemeyer beim Konzert in Groß Siemen präsentieren. In seiner Freizeit versucht er sich als Rosenzüchter und frönt einer Leidenschaft fürs Botanische. Den Weg von der Hagebutte bis zur fertigen Rose beschreibt Mönkemeyer liebevoll als einen langwierigen Prozess. Umso größer sei seine Freude, im Sommer 2021 eine von ihm selbst gezüchtete Festspielrose vorstellen zu können. Dem Bundesland wird er so gewissermaßen einen Teil seines Zuhauses schenken: So wie die Brandenburgischen Konzerte sind nämlich auch die Rosen in seinem elterlichen Garten liebgewonnene Kindheitserinnerungen des Bratschers und versinnbildlichen vielleicht am besten jenes Gefühl, nach Hause zu kommen.

Dass der Bratscher Rosen über alles liebt, ist auch dem Verhör-Kommissar Clemens Nicol von Sweet Spot aufgefallen und geht der Sache in folgendem Video auf den Grund:
Nils Mönkemeyer — Bratschist — Das Verhör | BR-Klassik.

Text von Isabel Schubert